Gelbe Briefe
DE,Türkei,FR 2025, 128 min • Darsteller
Fikret: Yusuf Akgün
Aziz: Tansu Biçer
Derya: Özgü Namal,
Rasit: Kerem Can • Crew
Regie: Ilker Çatak
Drehbuch: Ilker Çatak, Ayda Meryem Çatak,
Kamera: Judith Kaufmann
Schnitt: Gesa Jäger
Musik: Marvin Miller
Gelbe Briefe
Pressestimmen
Berlinale-Gewinner "Gelbe Briefe": Wenn der Staat Angst sät
Zu den Darstellern gehören, neben den türkischen Schauspiel-Stars Özgü Namal und Tansu Biçer, Berlin als Ankara und Hamburg als Istanbul. Beide machen sich sehr gut in der Rolle, da türkische Lebenswelten hier mühelos zu finden sind. Und zugleich weist der Verfremdungseffekt, der sich durch deutsche Inschriften oder Auto-Kennzeichen ergibt, über den Schauplatz Türkei hinaus. Berufsverbote für Künstler und Künstlerinnen waren ja schon in der DDR ein bewährtes Mittel, sind im Iran heute an der Tagesordnung; und in den USA war zuletzt Elon Musk für das Verschicken "gelber Briefe" an Staatsangestellte zuständig. Immer stehen Menschen über Nacht ohne Gehalt vor dem Nichts.
"Gelbe Briefe" ist nicht so beklemmend-spannend inszeniert wie "Das Lehrerzimmer". Als reiner Suspense-Film funktioniert er nicht, wirkt dafür aber wie aus dem Leben gegriffen, auch weil die Schauspieler so glaubwürdig agieren. Nicht dramatisch überspitzt, sondern fast protokollarisch nüchtern führt İlker Çatak vor, was passiert, wenn ein illiberaler Geist Macht über Meinung und Menschen bekommt.
Walli Müller - ndr.de/kultur
Was kann Theater?
Während das Schauspiel in „Gelbe Briefe“ solide, aber nicht herausragend, das Handwerkliche überzeugend, aber nicht außergewöhnlich ist, sollte man ein Augenmerk auf das Drehbuch legen. Dieses folgt einer indirekten Argumentation: Fragt die Tochter zu Beginn noch lachend „Glaubst du wirklich, dass du mit Theater die Welt rettest?“, zeigt uns der Rest des Films sukzessive auf, dass Theater, dass Kunst, eben durchaus hochpolitisch sein kann. Diese Frage der Tochter ist nur die Ouvertüre eines Werks, in dem ihre Eltern aufgrund künstlerischen Schaffens immer schärfer ins Visier eines übergriffigen Staates geraten. Ist nicht die Absetzung des Theaterstücks „von oben“ Beweis genug, dass Kunst und Politik unentwirrbar ineinander verstrickt sind? Jonas Schilberg - filmpluskritik.de
Denn Gelbe Briefe ist Çataks bislang politischster Film – und der erste ohne seinen langjährigen Drehbuchpartner Johannes Duncker, der noch Das Lehrerzimmer und Es gilt das gesprochene Wort mitverfasst hatte. Wo jene Arbeiten ihre moralischen Dilemmata aus Ambivalenzen entwickelten, wirkt Gelbe Briefe entschiedener, direkter, aktivistischer.
Seine größte Stärke liegt in der Darstellung der Mikro-Erosion. Çatak interessiert nicht das Spektakel der Repression, sondern ihr Einsickern in den Alltag. Das Verstummen beim Abendessen. Die gereizte Ungeduld Aziz’, der sich vom liberalen Intellektuellen zum autoritären Vater verschiebt. Die Loyalitätskonflikte im Ensemble. Kunst erscheint hier nicht als Heilsversprechen, sondern als prekärer Raum der Selbstbefragung. Die Film-im-Film- und Theaterszenen stellen die Frage, ob Theater die Welt retten könne, doch Çatak verweigert eine affirmative Antwort.
Axel Timo Purr - artechock.de