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Die 18. Staffel

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MI 30. Oktober
18:00 & 20:15 Uhr
Der Junge muss an die frische Luft
von Caroline Link
Deutschland 2018, 100 min

 

Unser Kellerkino ist in der Regel ja eine gemütliche Angelegenheit: Man kommt zwanglos, sucht sich gemütlich seinen Lieblingsplatz und bereitet sich mit Schoppen und Weinecken auf den Filmgenuß vor. Bei den Vorführungen des "Jungen" im August habt ihr uns aber zum Schwitzen gebracht! Trotz in weiser Voraussicht angesetzter Zusatzvorstellung und noch einer spontan angesetzten Vorstellung danach, haben wir in vier Vorstellung immer noch nicht für jeden einen Platz gefunden.
Daher gibt es, wie Vielen versprochen, die Kindheitsgeschichte von Hape Kerkeling noch mal zum Staffelstart. Es ist aber auch ein genialer, mit Liebe zum Detail, Gespür für das Timing und perfektem Casting gemachter Film. Ein kleines Wunder von dem es mehr geben sollte!

Die bewegendste deutsche Tragikomödie des Jahres
Eine Tragikomödie, die wirklich beides zusammenbringt: Lachen und Weinen. Die Humor als probates Mittel zeigt, um sich gegen die Zumutungen des Lebens zu wehren. Die die Großfamilie ohne einen falschen Ton feiert als Fundament, auf dem man stehen kann. Und ein Sprachkunstwerk, das den Ruhrpott-Slang in allen Schattierungen schillern lässt, derb und deutlich, ehrlich und herzlich. Die Sprache ist hier niemals aufgesetzt, sie atmet Leben. Wer das Kino verlässt, könnte versucht sein, der Welt künftig immer per dat und wat die Schärfe zu nehmen.
Die Dichte und Griffigkeit, mit der der Film den Zuschauer in die Welt dieser Familie führt, macht Der Junge muss an die frische Luft unverkennbar zu einem Caroline-Link-Film. Komplizierte Familiengeschichten, die eingebettet sind in ganz konkrete gesellschaftliche Kontexte, sind geradezu ein Markenzeichen der Oscar-Preisträgerin (Nirgendwo in Afrika). Ihre Fähigkeit, die Bilder über Zustände sprechen zu lassen, die jenseits der Sprache liegen, kommt hier besonders gut zur Geltung.

Oliver Kaever - Die ZEIT

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MI 06. November 2019
18:00 & 20:15 Uhr
Yuli
von Icíar Bollaín
Spanien, Kuba, GB 2018, 110 min

 

Yuli

Er tanzt sich selbst, Carlos Acosta, der weltberühmte Tänzer aus Kuba, in dieser Filmbiografie, gedreht von der spanischen Regisseurin Iciar Bollain. Carlos tanzt mit jungen Freunden die Stationen und Passionen seines Lebens, die Zweifel und Verzweiflungen des mühsamen Weges zum Erfolg, von der nationalen Ballettschule in Havanna bis nach London, zum Royal Ballet, wo er als erster Schwarzer den Romeo tanzt. Sein Vater Pedro hat ihn auf den Weg gebracht, unbeirrbar, unerbittlich, er stammt aus einer alten Sklavenfamilie und bezieht daraus seinen Stolz. Wir sind Krieger, erklärt er dem Sohn.
Fritz Göttler - Süddeutsche Zeitung

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MI 13. November 2019
18:00 (OmU) ⇒ FLVEG English Filmclub
20:30 Uhr in deutscher Fassung
Beale Street
If Beale Street could talk
von Barry Jenkins
USA 2019, 119 min

 

Barry Jenkins hat diesen Roman (der in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Beale Street Blues“ kürzlich bei dtv erschienen ist) verfilmt, Regina King für die Rolle von Tishs Mutter gerade einen Oscar gewonnen. Es ist ein Film in warmen Farben, der die Liebe ins Zentrum stellt und sie keinen Moment aus den Augen verliert. Auch hier sind die Verhältnisse erschütternd, auch hier ist die Aktualität des Befundes über den Rassismus in Amerika greifbar wie auch seine historische Kontinuität. Aber dennoch ist dies ein Film der Ermächtigung, der den Figuren enormen Handlungsspielraum einräumt. Nur Daniel, niederschmetternd gespielt von Brian Tyree Henry, ist nach mehreren Gefängnisaufenthalten geschlagen, er wird nicht mehr auf die Beine kommen können. Die eine große Szene, die er in diesem Film hat, reicht, um das volle Ausmaß der Brutalität, der diese Figuren ausgesetzt sind, zu ermessen.
Barry Jenkins verehrt Baldwin und ist deshalb nah an der Vorlage geblieben. Trotzdem weist sein neuer Film auch zurück auf seinen letzten, auf „Moonlight“ – in der Rolle der Musik, der Farben, der atmosphärischen Dichte. Es wird ein Stil sichtbar, der Jenkins jetzt schon zu einem der wichtigen Autoren des zeitgenössischen Kinos macht.

Verena Lueken - Frankfurter Allgemeine Zeitung

Dienstag 19. November 2019
19:30 Uhr in der Alten Turnhalle
Wir sind Juden aus Breslau

von Karin Kaper und Dirk Szuszies
Deutschland 2016, 107 min

 

80 Jahre - Ende der israelitischen Kultusgemeinde Lohr
Sonderveranstaltung mit der VHS in der Alten Turnhalle

Letzte Zeugin. Anita Lasker-Wallfisch überlebte Auschwitz und Bergen-Belsen

Wir sind Juden aus Breslau

Einführung und Begleitung durch den Vorsitzenden des Geschichts- und Museumsvereins Lohr, Dr. Wolfgang Vorwerk aus dem Blickwinkel der ehemaligen jüdischen Gemeinde Lohrs, für die die Reichspogromnacht ebenfalls ein Trauma war: nämlich der Anfang des bitteren Endes 1939, als sich die jüdische Gemeinde Lohrs nach als „Arisierung“ verbrämter Vernichtung ihrer Existenzgrundlage in Lohr buchstäblich über Nacht auflöste und wegzog.

"Es sind 14 Zeitzeugen, unter ihnen hier in seinen letzten Filmauftritten der mit seiner Familie 1938 von Breslau nach Amerika emigrierte Fritz Stern. Der heute gleichfalls in New York lebende 88-jährige Historiker Abraham Ascher spricht mit Schülern aus Deutschland und Polen, die 2015 an einem gemeinsamen Workshop zum Thema jüdisches Leben, Sterben und Überleben in Breslau teilgenommen haben. Um das Aufeinandertreffen der letzten Zeugen mit den Mädchen und Jungen von heute ziehen die Filmemacher Kaper und Szuszies ihre behutsamen Kreise: von Breslau einst und jetzt, von Orten der Emigration mit Szenen auch aus Israel, den USA oder Frankreich, im Wechsel zwischen historischen und aktuellen Aufnahmen, Einzelinterviews, Dialogen mit den Jugendlichen und erstaunlichen Begegnungen.
...der Film vermeidet jede zukleisternde Sentimentalisierung. Es ist vielmehr erschütternd und erhellend, wie die heute 91-jährige Renate Lasker-Wallfisch, als Cellistin eine letzte Mitwirkende des Frauenorchesters von Auschwitz-Birkenau, vom Abschied von ihren ermordeten Eltern, vom gemeinsamen Überleben mit ihrer hier gleichfalls auftretenden Schwester Renate Lasker-Harprecht in Auschwitz und Bergen-Belsen erzählt und die Workshop-Schüler im Hof eben jenes Gefängnisses von Breslau trifft, wo sie und ihre Schwester im Herbst 1942 die Deportation erwarteten. Was im Spielfilm ein magischer Moment wäre: Abraham Ascher tritt mit den Schülern auf den Balkon, von dem vor 80 Jahren Hitler zu den jubelnden Breslauer Nazis sprach."

Peter von Becker - tagesspiegel.de

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MI 20. November 2019
18:00 & 20:30 Uhr
Birds of Passage - Das grüne Gold der Wayuu
von Cristina Gallego & Ciro Guerra
Kolumbien, Dänemark, Mexiko 2018, 125 min

 

Matriarchalische Mafiasaga

Man sollte sich nicht von den ruhigen Bildern der Steppenlandschaft zu Beginn von „Birds of Passage“ täuschen lassen. Das hier ist kein elegischer Arthouse-Film, das ist ein großes kolumbianisches Mafia-Epos. Man tut besser daran, dem Gespräch der Frauen zu vertrauen, denn wie Ursula [Oberhaupt des Stammes] schon erklärt hat, gilt das Wort – und damit ist man bereits mittendrin in der Kultur der Wayuu, auf deren Stammesgebiet im Norden Kolumbiens sich in den 1960er bis 1980er Jahren die Ereignisse zutrugen, die dem Film zugrunde liegen. [...]
Ciro Guerra und Cristina Gallego haben bereits den oscarnominierten „Der Schamane und die Schlange“ (2015) gemeinsam gedreht, einen Zweistundentrip in Schwarzweiß, in dem zwei Forscher Anfang des 19. Jahrhunderts die drogeninduzierten Weisheiten eines Indio-Stamms am Amazonas suchen. Schon damals entschieden sie sich dafür, die Geschichte aus Perspektive der Ureinwohner zu erzählen und übersetzten ihr Drehbuch in deren vielfältige Sprachen.
Für „Birds of Passage“ haben sie sich in die nördliche Steppe ihrer kolumbianischen Heimat begeben, ihre Themen aber sind gleich geblieben: Subtil erzählen sie anhand einzelner Schicksale, was Kolonialismus und Eroberung mit den Ureinwohnern machten, was Raubwirtschaft und Gier mit einer Kultur anstellen, die solche Probleme zwar im kleinen Kreis der Stammesgemeinschaft kannte und dort ahndete, deren Regeln den Auswüchsen des kapitalistischen Machtstrebens jedoch nicht gewachsen sind. .

Maria Wiesner - Frankfurter Allgemeine Zeitung

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MI 27. November 2019
18:00 & 20:15 Uhr
Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit
von Julian Schnabel
USA 2018, 111 min

 

Natürlich war es kein Zufall, dass Schnabel schon in Basquiat all die Fragen verhandelte, die auch ihn selbst als Künstler betreffen: der beleidigende Entschlüsselungswahn der Kritiker, die enervierende Oberflächlichkeit von Sammlern, die sich fragen, ob sie mit dem grünen Farbton leben könnten, die künstlerische Integrität angesichts kommerziellen Erfolgs. In Van Gogh beschäftigt Schnabel sich nun mit einem Maler, der zu Lebzeiten nur ein einziges Bild verkauft hat, seine Kunst aber trotzdem unablässig verteidigen musste, weil er seiner Zeit schlicht voraus war: "Vielleicht hat Gott mich zu einem Maler gemacht für Menschen, die noch gar nicht geboren sind", sagt dieser van Gogh einmal im Film. Die Eigenständigkeit seiner Bilder gegenüber der realen Welt verstörte viele seiner Zeitgenossen, häufig wurden seine Gemälde als hässlich empfunden.

[...]"Außerdem ist Willem extrem physisch und in großartiger Form, wohingegen van Gogh mit 37 schon ziemlich ausgemergelt war. Damals lag die Lebenserwartung bei 42, jetzt liegt sie bei 82 – ich würde also sagen, proportional sind die beiden exakt gleich alt. Aber so rational habe ich gar nicht darüber nachgedacht." Schnabel sollte recht behalten. Für seine intensive Art, sich dem Maler nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich anzuverwandeln, wurde Willem Dafoe weltweit für zahllose Preise nominiert, darunter auch für Golden Globe und Oscar. Und auf dem Filmfestival in Venedig wurde er mit der Coppa Volpi als bester Schauspieler geehrt.

Anke Sterneborg - Die ZEIT

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MI 4. Dezember 2019
18:00 & 20:15
Der Boden unter den Füßen

von Marie Kreutzer
Österreich 2018, 108 min

 

Marie Kreutzer erzählt eine ganz ähnliche Geschichte wie Maren Ades "Toni Erdmann". Statt väterlichen Scherze steht die Beziehung zur schizophrenen Schwester im Mittelpunkt. Ein intensiver Film, der uns begeistert hat - unbedingt ab in den Keller!

Unternehmensberaterin mit paranoider Schwester
Das Kino liebt die Paranoia. Diesen Zustand, in dem die Bilder in der Schwebe bleiben. Diese Atmosphäre, in der nicht wirklich klar ist, was hier erzählt wird. Etwas, was wirklich stattfindet? Oder etwas, das sich im Kopf der Filmfigur abspielt?
Caroline, genannt Lola, Ende 20 - die Heldin von Marie Kreuzers Film "Der Boden unter den Füßen", ist Unternehmensberaterin. Sie ist erfolgreich, zielstrebig, kompetent, siegessicher. Ihr Leben spielt sich ab zwischen zwei Welten. Da ist die sterile Wohnung in Wien, in der sie nur die Koffer umzupacken und sich zum Joggen umzuziehen scheint. Und da ist die Welt der Firmen, die sie umstrukturiert. Jedenfalls nennt man das so in der Sprache der Abwickler. In diesem Ausdruckssystem, das nur dazu da ist, unangenehme Vorhaben zu beschönigen.
Lola hat eine Schwester, die unter paranoiden Wahnvorstellungen leidet und regelmäßig in der Psychiatrie landet. Diese Schwester, Conny, hilflos, fordernd, übergriffig, scheint das genaue Gegenteil der überaus kontrollierten Lola zu sein. Dann kommen Anrufe, während Lola gerade im Sicherheitscheck des Flughafens steckt.

Katja Nicodemus - ndr.de

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MI 11. Dezember 2019
18:00 (OmeU) ⇒ FLVEG English Filmclub
20:30 Uhr in deutscher Fassung
Die Berufung
On the Basis of Sex
von Mimi Leder
USA 2018, 120 min

 

Diese Frau hat Geschichte geschrieben. Und sie tut es bis heute: die Supreme Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg. Das spannende Biopic über die frühen Karrierejahre der inzwischen 85jährigen amerikanischen Gallionsfigur der Justiz und Amerikas Ikone der Gleichberechtigung kommt zum richtigen Zeitpunkt in die Kinos. Die Anhörung des neuernannten Supreme Court Richters Bret Kavanaugh hat gezeigt, wie frauenfeindlich das gesellschaftliche Klima in Zeiten von #MeToo noch ist. Und wie dringend das Gericht starke, unabhängige Richterinnen wie Ruth Bader Ginsburg braucht. Eindrucksvoll erinnert Regisseurin Mimi Leder mit ihrer hoffnungsvollen Hommage, die zu keiner Minute ein trockenes Gerichtsdrama ist, wie hart Rechte erkämpft wurden. Und dass dieser Kampf noch lange nicht zu Ende ist.

programmkino.de

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MI 18. Dezember 2019
18:00 OmU & 20:30 Uhr
Rocketman
von Dexter Fletcher
USA 2018, 120 min

 

Vom ersten Moment an, als Elton John (Taron Egerton), verkleidet wie ein glitzernder Paradiesvogel, zum Refrain von „Goodbye Yellow Brick Road“ in eine Entzugsklinik marschiert, weil er nach ungefähr allem süchtig ist, sind die Weichen gestellt: Der Film verläuft stimmungsmäßig in hohen Wellen. Der Sänger landet in einer Therapiegruppe und erzählt dort sein Leben nach, seine musikalischen Erfolge, seine enge Freundschaft zu seinem Songwriter Bernie Taupin (Jamie Bell), seine unglückliche Liebesbeziehung zu seinem ausbeuterischen Manager John Reid (Richard Madden) und, das vor allem, seine Kindheit mit einer distanzierten Mutter und einem eiskalten Vater. Dazwischen werden seine Hits serviert, in leicht veränderten Arrangements und großartig gesungen von Taron Egerton, der ihnen seinen eigenen Stempel aufdrücken durfte und nicht einfach nur wie Elton John klingen musste – das hat „Rocketman“ dem Freddie-Mercury-Film „Bohemian Rhapsody“ voraus, mit dem er sich natürlich vergleichen lassen muss und bei dem ebenfalls Dexter Fletcher Regie führte.

Julia Bähr - FAZ


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