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Wise Women
Österreich
Dokumentarfilm
• Crew
Regie: Nicole Scherg
Drehbuch: Nicole Scherg
Kamera: Marie-Thérèse Zumtobel
Schnitt: Natalie Schwager
Musik: Coshiva

 

Wise Women

Interview mit Nicole Scherg

Geburt ist ein radikal politischer Prozess, das sieht man schnell.

Das hat auch mich zu diesem Thema gebracht. Ich habe selbst gemerkt, Geburt ist nicht nur ein physiologischer oder medizinischer Vorgang, sondern ist zutiefst kulturell und politisch aufgeladen. Und ich habe gesehen, wie unterschiedlich die Gesellschaften mit diesem Ereignis umgehen, welche Rituale sie pflegen, wie sehr auch Macht und Geld mitspielen, wie patriarchale Strukturen im Endeffekt auch Körper und Geburtsprozess kontrollieren.

Wie haben Sie die Herangehensweise mit Kamerafrau Maria-Thérèse Zumtobel erarbeitet?

Uns war klar, wir fokussieren uns auf die Hebamme, sie ist die Protagonistin. Wenn sie während der Geburt rausgeht, gehen wir mit ihr mit. Wir wollten den emotionalen Moment einfangen, nicht die Physiologie und haben die Kameraposition so gewählt, dass wir auf den Gesichtern sind, den Händen. So gibt es eine visuelle Schutzzone.

Was war neu für Sie beim Dreh?

Wie wenig gesellschaftlichen Raum das Thema Geburt erhält – obwohl es uns ja alle betrifft. In fast allen Ländern kämpfen Hebammen um Sichtbarkeit, Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen. Egal, ob in reichen oder ärmeren Ländern: Die Frauen bekommen oft nicht die Unterstützung, die sie brauchen. Und in Wirklichkeit wollen alle dasselbe: ihr Kind gesund, sicher und in Würde zur Welt bringen – gut begleitet.

Warum akzeptieren wir, dass wir in einer Geburtslandschaft leben, in der die Frauen nicht im Zentrum stehen? Was war schwieriger als gedacht?

Geburt lässt sich einfach nicht planen – das haben wir als Drehteam stark gespürt. Wie die Hebammen waren auch wir im „Rufbereitschafts-Modus“, immer bereit, wenn es losgeht. Oft hieß es für uns: lange warten, geduldig sein, viel Stillstand aushalten – und dann plötzlich ganz schnell reagieren. Das war logistisch und emotional manchmal eine große Herausforderung. Geburt folgt keinem Drehplan. Sie dauert so lange, wie sie dauert, und kommt genau dann, wenn sie kommt. Dieses „Sich-Einlassen“ auf das Unvorhersehbare, auf den Moment, war eine Erfahrung, die uns als Filmteam sehr geprägt hat und die zum Berufsalltag der Hebammen gehört.

Sie haben mit einem rein weiblichen Drehteam gearbeitet, anders geht das bei dem Thema auch gar nicht, oder?

Wir waren ein reines Frauenteam beim Dreh, sonst hätten wir nie in diesen sensiblen Frauenräumen dabei sein können. Es war eine schöne Zusammenarbeit, das österreichische Kernteam und die zusätzliche Crew in den jeweiligen Ländern. Unsere Arbeit spiegelte sich oft in unseren Gesprächen, die Themen Frausein in den unterschiedlichen Gegenden dieser Welt, Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft sind ja allgegenwärtig, für Hebammen wie für Kreativschaffende.
Der Film wurde von 2017 bis 2025 produziert, das war eine lange Zeit, von den ersten Entwürfen bis zu meiner Schwangerschaft während des Drehs und der Corona Pandemie hat es viele Einflüsse gegeben, die den Drehplan verändert haben – und uns Frauen im Team auch!

Das Thema Geburt ist ein zeitloses…

Es war ein langer Schnittprozess, die Hebammen kamen wie in einem Puzzle eine nach der anderen hinzu, es war für die Cutterin Natalie Schwager jedes Mal überraschend, welches Material entstanden ist – beim ersten Dreh in Nepal war nicht einmal eine Geburt dabei. Für mich ist Dokumentarfilme zu machen ein künstlerischer Prozess, der auch mit Loslassen zu tun hat, es beginnt mit einer Idee, einer Vision, aber beim Dreh selbst und dann nochmal beim Schnitt zeigt sich eine neue Realität. Karina Ressler hat uns in der letzten Schnittphase als Dramaturgin begleitet, und so ist es gelungen, Kontraste und Gemeinsamkeiten herauszuschälen.

War das Filmen als Schwangere schwierig, oder hat das bei diesem besonderen Film sogar Dinge leichter gemacht?

Es war wirklich so, dass es eine spezielle Verbundenheit auf der nonverbalen Ebene gab, weil ich als Filmemacherin selbst mit einem großen runden Bauch da war. Das war schön, denn manchmal konnte ich mit den Frauen und Hebammen vor Ort aufgrund der Sprachbarriere nicht direkt kommunizieren.

Diese Verbundenheit spürt man auch im Film. Wie haben Sie die Protagonistinnen gefunden, in den fünf verschiedenen Ländern in aller Welt?

Franka Cadée, die damalige Vorsitzende des Internationalen Hebammenverbands ICM, war eine ganz wichtige Unterstützerin. Diese Frau hat ein Netzwerk, das die ganze Welt umspannt. Sie hat uns unterstützt, mit den Landesverbänden der Hebammen Kontakt aufzunehmen. Es war mir wichtig, dass wir Hebammen auf verschiedenen Kontinenten zeigen, mir ging es um ein möglichst breites Spektrum, sowohl an sozialen, aber auch an wirtschaftlichen Realitäten. Ich wollte unterschiedliche Settings zeigen, eine Hausgeburt, ein Geburtshaus, eine einfache Klinik, aber auch ein wirkliches Hightech-Spital – abbilden, wie unterschiedlich heute Geburt gedacht und begleitet wird. Die Rolle der Hebamme ist ja auch nicht in jedem Land gleich. In manchen Ländern sind sie mit mehr Zuständigkeiten ausgestattet, in Brasilien setzen sie sogar die Spirale ein, das wäre in Österreich undenkbar. Visuell war es mir wichtig, dass wir Gegensätze setzen, dass wir sowohl in der Großstadt drehen wie etwa in Rio, aber auch im Hochland in Nepal. Wir waren in der Hitze in Äthiopien aber auch im grünen Neulengbach in Österreich.

Wie sind Sie als europäisches Filmteam mit dem Risiko eines eurozentrischen Blicks umgegangen?

Uns war von Anfang an bewusst, dass wir diesen Film aus einer privilegierten Perspektive heraus machen. Wir sind mit offenem Blick und offenem Ohr gereist – nicht mit fertigen Vorstellungen, sondern mit der Bereitschaft, uns auf die Lebensrealitäten der Hebammen einzulassen. Wir wollten die Systeme sichtbar machen, in denen sie arbeiten, weil diese Strukturen den Handlungsspielraum bestimmen. Und unter oft sehr schwierigen Bedingungen leisten diese Frauen Erstaunliches. Auch die Entscheidung, ausgerechnet in Österreich eine Hausgeburt zu zeigen, war keine leichte. Diese Szene zeigt eine sehr privilegierte Form von Geburt – mit eins-zu-eins-Betreuung, bei der die Frau im Zentrum steht. Das entspricht nicht der Realität vieler Frauen in Österreich, für die Klinikgeburten die Norm sind, wo die Hebamme manchmal fünf oder sechs Geburten gleichzeitig betreuen muss. Natürlich bleibt es am Ende ein westlicher Blick – schon allein, weil wir die Kamera in der Hand halten. Aber wir haben versucht, so transparent, sensibel und zurückhaltend wie möglich zu sein und die Weisheit jeder einzelnen der fünf Frauen zu zeigen. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, ein Kind zur Welt zu bringen. Es ist unser kleinster gemeinsamer Nenner: Wir alle kommen zur Welt. Wir alle sterben. Und dazwischen gibt es Menschen, die uns begleiten. Hebammen gehören dazu.

Was haben Sie vor den Drehs vereinbart, mit den Hebammen, aber auch den Gebärenden?

Die Hebammen sind die Vertrauenspersonen der Frauen, sie haben erklärt, welchen Film wir machen wollen und warum – und dann haben die Frauen einfach ja gesagt, oder nein. Es war immer vereinbart, sobald die Hebamme das Gefühl hat, dass wir den Prozess stören, oder sobald sich etwas für die Frau verändert, dann gehen wir.

War es schwer, nicht im Weg zu stehen?

Bei den Geburten waren wir immer zu dritt: die Kamerafrau, die Tonfrau und ich. Ich bin sozusagen mit der Kamerafrau verschmolzen, stand immer direkt hinter ihr, das ging fast schon blind. Wir haben einfach über Blickkontakt oder über eine Berührung gewusst, wohin jetzt der Fokus geht. Dass man sich unsichtbar machen kann beim Dokumentarfilm ist aus meiner Sicht ein Trugschluss. Ich glaube, dass die Frauen, die Hebammen und vor allem die Gebärenden uns einfach irgendwann vergessen haben. Die Frauen waren auch stolz, dass wir dabei waren, ihre Geburtsarbeit ins Zentrum gestellt haben.

Der Beruf Hebamme bedeutet immer auch eine Komplizinnenschaft mit der Mutter.

Das ist das Starke an diesem Beruf. Für mich sind die Hebammen auf eine Weise Urfeministinnen, auch wenn sie sich selbst wahrscheinlich nicht so bezeichnen würden. Sie begleiten Frauen in einem der verletzlichsten und gleichzeitig kraftvollsten Momente ihres Lebens, stehen an ihrer Seite und kämpfen auch für das Recht auf Selbstbestimmung, das Vertrauen in den eigenen Körper und auf eine Geburt, die eben nicht nur sicher ist, sondern einfach auch menschlich. Sie erleben diesen Übergang tausende Male, diese emotionale Grenzsituation. Hebammenkunst ist „the art of doing nothing well“ – das heißt die Kunst, nichts zu tun, bis man es muss. In dem Beruf geht es eigentlich viel mehr um Prävention. Das heißt, du tust nichts, du bist einfach die Wächterin und du agierst dann, wenn sozusagen eine Bedrohlichkeit entsteht. Das macht diesen Beruf besonders. Und genau deshalb wird er auch oft unterschätzt.

Frauengesundheit passt nur schwer in das System Krankenhaus mit seinen zeitlichen Zwängen.

Dort muss man sich den Sachzwängen dieses Systems unterordnen und verliert in gewisser Weise auch ein bisschen die Kontrolle. Ein Krankenhaus ist einem wirtschaftlichen System unterstellt. Da zählt Effizienz vielleicht auch manchmal mehr als ein natürlicher Geburtsverlauf. Es geht immer um Hierarchien, wie Gunda sagt. Wie eine Frau gebiert, hat sich durch dieses Verschieben vom häuslichen ins klinische Umfeld wahnsinnig verändert. Mir ist auch erst nach meiner Geburtserfahrung klar geworden, wie wichtig es ist, welche Parameter man sich selber vorab für die Geburt steckt, weil währenddessen ist es zu spät. Eine selbstermächtigende Geburt muss nicht perfekt sein, aber man muss Teil der Entscheidung sein und respektvoll begleitet werden.


 

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